Mittwoch, 6. Januar 2016
Omnivore sind Nazis
Okay, für dieses Jahr ist damit das Karma aufgebraucht und muss künftig ersteinmal wieder neu aufgebaut werden. Mit guten Taten. Verdammt vielen guten Taten. Da reicht es nicht aus, nur auf Tierprodukte zu verzichten, damit Tausenden von Tieren das Leben zu retten, die Welt somit mit weniger CO2 vollzupumpen und nebenbei sogar vielleicht das ein oder andere afrikanische Kind vor dem Hungertod zu retten, weil das angebaute Soja nicht an Kühe verfüttert wird, sondern in die Mägen der im jeweiligen Land Wohnenden wandert. Nein, das ist wahrlich nicht genug, um Karma wieder aufzubauen. Da ist eine Spende der alten abgetragenen Klamotten an Flüchtlingsheime schon weitaus karmabringender, ganz egal, ob diese sowieso schon vollgestopft bis oben hin sind mit alten, abgetragenen Klamotten und praktisch ungesehen sofort an die Mülldeponien der Städte weitergeleitet werden. Klamotten spenden bringt mehr Karma. Oder der senilen Nachbarin die Einkäufe ins Haus tragen. Leben retten ist zu abstrakt.
Warum Omnivore Nazis sind? Folgt man Wikipedia, war Nazi zunächst einmal nur die Koseform des Namens Ignaz. "Abwertend gebraucht", so heißt es dort weiter, "wurde der Begriff für eine einfältige, törichte Person [...]." (https://de.wikipedia.org/wiki/Nazi), was auch nicht ganz ohne Bezug zur breiten Masse, die denkt, ihr Fleisch käme genauso aus dem Supermarkt wie der Strom aus der Leitung - als einfaches, unzuhinterfragendes Gesetz.
Erst Tucholsky, der sich sehr stark für das Thema des Nationalsozialismus einsetzte, und der, meiner bescheidenen Meinung nach, die Ungerechtigkeit und Trauer nicht mehr aushalten konnte oder wollte, sich schließlich höchstwahrscheinlich durch eine Überdosis Barbiturate suizidierte, beschrieb 1923 erstmals den nationalsozialistischen Nazi.
Weiter heißt es da, dass im angelsächsischen (und internationalen) Sprachgebrauch die Kurzform Nazi zur Bezeichnung von Fanatikern anderer Art, gebraucht wurde und auch heute noch wird (Jazz Nazi gefällt mir dabei besonders gut...). Sind nicht die Omnivoren auch Fanatiker und verdienen dann den Begriff "Fleisch-Nazi"? Vielleicht genauso, wie die Veganer den Begriff "Salat-Nazi" verdienen.
Aber selbst wenn man nicht von der heute viel häufigeren und aufgrund der Flüchtlings"krise" besonders gepushten Bedeutung des "Nazis" weggeht, ist dieser Vergleich aus meiner Sicht absolut angemessen (und stammt übrigens auch gar nicht von mir, sondern unter anderem von den Holocaust-Überlebenden Alex Hershaft und Isaac Bashevis Singer: „Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi. Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka.“ So neu ist das alles also gar nicht. Es wird nur aktuell, weil die Veganisierung voranschreitet. Und sich niemand mehr damit herausreden kann, er habe ja nicht gewusst, was in der "Tierindustrie" tagtäglich geschieht. Das Internet ist voll von Informationen und selbst, wenn man nur die offiziellen Zahlen nimmt, deren Dunkelziffer wir nicht einmal abschätzen können, werden allein in Deutschland jährlich 58 Millionen Schweine, 630 Millionen Hühner und 3,2 Millionen Rinder ermordet, wobei die anderen geflügelten Wesen und die Fische noch nicht miteinberechnet sind, ebenso wenig die 50 Millionen männlichen Küken, die wenige Minuten nach ihrem Schlüpfen lebendig in den Schredder geworfen werden, weil sie männlich sind. Damit Eier gegessen werden können.
Ist es da so verwunderlich, dass dieser Vergleich gezogen wird? Ob wir die Menschen Speziesisten nennen, Nazis oder Tierhasser, spielt dabei eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Fakt ist, es wird getötet, wo nicht getötet werden muss. Nur sind es keine Schwarzen, die getötet werden und auch keine Juden. Sondern Tiere. Und die meisten Veganer wissen, dass das Unrecht ist. Und sie leiden darunter. Sie haben keine Worte für all die Trauer, die Wut und den Schmerz, für das Entsetzen und die Hilflosigkeit. Deswegen versuchen sie, diesen Emotionen einen Namen zu geben. Und sie kämpfen dagegen. Sie wollen darauf aufmerksam machen, was passiert.
Psychologisch gesehen ist diese Vorgehensweise natürlich nicht besonders clever. Solche Vergleiche sind gemacht, um Menschen vor den Kopf zu stoßen. Es führt dazu, dass sie sich von dem Thema vollends abwenden und nichts mehr davon hören möchten. Es ist die kognitive Dissonanz, die hier greift und die den meisten Menschen von klein auf anerzogen wurde: Nein, man darf keine anderen Lebewesen töten, alle erfüllen einen Zweck. Die Spinne im Bad wird unter viel Trara nach draußen getragen, die Katze wird operiert, wer dem Hund etwas tut, als Tierquäler tituliert. So weit klar. Aber Fleisch... Ja, für Fleisch ist es schon in Ordnung, Tiere zu töten. Weil es eben so lecker ist. Weil es notwendig ist, Fleisch zu essen. Diese unumstößliche Wahrheit lernen Kinder von Anfang an und diese Prämisse zu erhalten, gibt man sich die größte Mühe. Sich die Wahrheit anzusehen, erfordert Mut, Schmerz und Trauer auszuhalten. Es ist nicht einfacher, nachdem man die rote Pille geschluckt hat. Aber es lohnt es sich.
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